Werkstattblog

Bikini

von Silvia Gillardon

kind im wasser

Wie habe ich es gehasst – das Bikini meiner Mutter! Eine verheiratete, Frau, ja, sogar ehrenwerte Mutter, sie sich mit Bikini präsentierte, war eine Provokation in unserer Badi.  Ich schämte mich entsetzlich und beneidete all meine Schulkameradinnen um ihre seriösen, in währschaftes Tuch verhüllten Mütter. Denn, das haben Kinder mit Steuerbetrügern und Ladendetektiven gemeinsam: Sie wollen um keinen Preis auffallen!
In einem Schaufenster entdeckte ich endlich das Passende für ältere Damen - immerhin war meine Mutter damals schon schon beinahe vierzig-: Ein züchtig schwarzes Badekleid mit Rüschen und einem knielangen, plissierten Röckchen! Natürlich weigerte sich meine Mutter, das wunderbare Exemplar zu kaufen. Aber von da an nannte sie mich „meine kleine, süsse Spiesserin“.
Diesen Ausdruck verstand ich zwar nicht, aber immerhin begriff ich, dass das mit dem „süss“ gelogen sein musste.
Ich stand also vor der Wahl, mich bei schönstem Badewetter  zuhause zu verstecken, eine andere Mutter zu adoptieren oder mich mit diesem progressiven Weibsbild zu arrangieren. Manchmal, wenn sie in der Badi auf dem Lattenrost einschlief, deckte ich ihren nackten Bauch mit meinen Badetüchern zu. Dann wieder setzte ich mich zu anderen, eben anständigeren Müttern und tat so, als ginge mich diese peinliche Bikinifrau einfach nichts an. Doch wenn sie dann in ihrer Blösse durch die Frauenbadi zur Dusche schritt, blieb mir nichts anderes übrig, als die anderen Mütter abzulenken mit todesmutigen und natürlich verbotenen Sprüngen von der Terrasse des Sonnenbades.
Eigentlich könnte man heute behaupten, dass ich meine Sportlichkeit dem Bikini meiner Mutter zu verdanken habe. Natürlich sollte man auch nicht verschweigen, dass sich der Bauchnabel meiner Mutter nur den Frauenblicken darbot, da unsere gute alte Badi damals strengstens nach Geschlechtern getrennt war. Und dass das wirkliche „Sündenbabel“ am Zürichsee erst entstand, als neben der eigentlichen Badeanstalt eine kleine Wiese für, wie das Schild besagte, „gemischte Geschlechter“, also für die ganz Verdorbenen, eröffnet wurde.  

Die Frau die mich gestern auf der Seeüberfahrt so seltsam anstarrte, kam mir irgendwie bekannt vor. „Du stammst doch auch von da drüben? Deine Mutter war doch diese Bikinifrau mit der tollen Figur“ brach sie schliesslich das Schweigen. „Kennst du mich nicht mehr? Ich bin Renata; die mit der karierten Faltenjupe-Mutter! Meine Güte, was waren wir spiessig! Und was haben wir dich um deine progressive Mutter beneidet!“
Ich weiss, dass irgendwo da oben mich jetzt jemand auslacht. Und ich fühle mich irgendwie ratlos. Und schuldbewusst. Eben genau so, wie es sich für eine süsse, kleine Spiesserin gehört.

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