Werkstattblog

Grullo

von Silvia Gillardon

meinem geliebten, alten Kater Grullo gewidmet

Warum nur hat er mich verlassen? Was habe ich falsch gemacht? Fragen über Fragen tanzen in meinem Kopf. Und Vorwürfe. Hättest du ihn doch nicht auf Diät gesetzt! Ihn nicht von deinem Kopfkissen vertrieben! Hättest Du ihn doch bloss auf der Tastatur schlafen und vom Tisch klauen lassen!
Zu spät. Grullo, mein geliebter roter Kater, hat das Weite gesucht. Verzweifelt irre ich durchs Quartier und durch Gärten, klebe trotz Verboten Plakate an Scheunenwände, belästige Nachbarn, Tierärzte und Schulkinder. Letztere erkundigen sich zwar ab und zu nach der Höhe des Finderlohnes, denn ohne Preis logischerweise keinen Fleiss. Aber von Grullo keine Spur. Endlich erreicht mich ein erster Anruf: „Meine Katze getraut sich wegen ihrem aufsässigen Biest nicht mehr aus dem Haus.“ Jetzt bloss diplomatisch bleiben! „Sie meinen, Ihre Katze wird von einem roten Kater belästigt?“ „Belästigt? Sie sind gut!“ „Aber mein Kater ist kastriert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er Katzen bedrängt.“ Wütendes Schnauben. „Triebe lassen sich nicht einfach wegschnipseln.“ „Grullo muss bei der Schneeschmelze seine Spur verloren haben. Er kommt aus Italien und kennt sich hier nicht ..“ Sie unterbricht mich. „Ein Italo! Dann ist ja alles klar.“ „Wo wohnen Sie denn?“ rufe ich, aber die Dame hat schon aufgelegt. Beim nächsten Anruf meldet sich eine kindliche Stimme: „Tiere ohne Chip werden einfach entsorgt! Den können Sie abschreiben!“ Aufgelegt. Wieder ein Anruf. Kein Name, nur eine harsche Frage „Trägt Ihr Kater kein Namensbändeli?“ „Das hat er abgestreift, vor seiner Katzenklappe. Leider!“ Der Mann atmet schwer. „Dann ist das das Zeichen“, „Was für ein Zeichen?“ frage ich verdattert. „Dass er gehen wollte. Ganz gezielt. Frei sein! Man muss loslassen können, gute Frau!“
Die nächste Stimme klingt vorwurfsvoll. „Warum haben nur Sie ein Recht darauf, Ihre Katze wiederzufinden?“ Ich verstehe kein Wort. „Sie haben doch am Kandelaber vor dem Schulhaus ein Suchplakat aufgehängt? Können Sie mir erklären, warum ihres noch da hängt, aber das von meinem Tüpfi verschwunden ist?“
„Unerhört!“ will ich rufen, aber ich bremse mich. „Wie sieht ihr Tüpfi denn aus? Ich kann ja, wenn ich schon auf der Suche bin, auch nach Ihrem Büsi Ausschau halten.“

Endlich, nach zehn zermürbenden Tagen, kommt der erlösende Anruf von einem Nachbarn. „Ihr Grullo sitzt in unserem Hühnerhaus und jammert!“ Und tatsächlich. Ich kann mein Glück kaum fassen. Mein Grullo ist wieder da! Erleichtert verschliesse ich die Katzenklappe. „Du hast jetzt vorerst mal Hausarrest.“

In der Nacht weckt mich ein klägliches Miauen. Seltsam. Vielleicht hat Grullo ja geträumt. Oder ich. Vier Tage später entdecke ich im Abstellraum zwischen Weinkartons und Zeitungsstapeln ein Augenpaar mit schreckgeweiteten Pupillen. Dazu gehört eine langhaariges, schwarzes Fell mit einem weissen Tupf auf der Nase. Tupf? Natürlich! Tüpfi? Ausgerechnet bei mir! „Wie bist denn Du hier hereingekommen? Die Katzenklappe ist doch schon lange zu!“ „Eben!“ könnte Tüpfi jetzt antworten. Nun ist mir auch klar, warum Grullo solche Unmengen an Futter verschlungen hat. Tüpfis Frauchen umarmt mich überglücklich.

Heute habe ich an einem Kandelaber noch ein altes Suchplakat von Tüpfi entdeckt. Ich werde mich hüten, es abzuhängen.

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