Josefines Blog

Apfel ist Käse

von Silvia Gillardon (Kommentare: 0)

Apfel ist Käse

Unser Gärtchen ist ein schattiges Plätzchen. Ein sehr schattiges sogar. Im Hochsommer wird vielleicht ein Drittel von der Sonne geküsst; im Winter fällt gar kein Strahl darauf.
Wir lustwandeln demnach fast ausschliesslich zwischen Farn und Hortensien. Doch da mein Allerliebster meinte, dass ein Garten ohne Baum kein Garten sei, musste auch noch ein Baum her. Und natürlich musste es ein Obstbaum sein.
Der Gartenfachmann rümpfte beim Gärtner-Pfuiwort Schatten die Nase: „Allerhöchstens Sauerkirsche!“ Worauf der Allerliebste zurückrümpfte. „Mag ich nicht! Ein anständiger Apfelbaum muss es sein!“ Natürlich ist Apfel Käse. Das wusste er selber. Aber wenn schon falsch entscheiden, dann wenigstens konsequent. „Und zwar kommt nur ein Hochstämmer in Frage.“
„Ein Hochstämmer? Spinnst du? In dem winzigen Garten?“
„Doch. Die gehören schliesslich zur bedrohten Art. So können wir etwas Gutes tun. Ausserdem: Schau mich an! Passt zu meinen 1.90 etwa ein Zwergbaum? Und mal dir mal aus,  wie wir auf der Gartenbank sitzen und am Stamm vorbei unseren Blick in die Ferne schweifen lassen können.“
Die sogenannte „Ferne“ ist das zehn Meter entfernte Nachbarhaus, aber mit Romantikern soll man nicht streiten. Auch seine Auswahl der Sorte ist nicht sehr rational: „Ein Gloster ist perfekt. Ein richtiger Apfel ist schliesslich rot!“ Logo. Wie bei Schneewittchen!

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Im vorletzten Herbst war das. Gepflanzt hat ihn der Allerliebste eigenhändig. Natürlich ganz ohne Stützhölzer oder Anbinden „Mein Baum hat solchen Klimbim nicht nötig!“ verkündete er.

Der einzige Klimbim waren „schwebende Steine“. Denn damit der Baum nicht einfach himmelwärts, sondern seitwärts strebte, also „schirmförmig“ zwecks bedienungsfreundlicherer Ernte, hängte er mit Schnüren befestigte, schwere Steine an die Äste. Nachdem er aber selber mehrmals mit seinem armen Kopf dagegen gerannt war, waren die Steine plötzlich verschwunden. Kommentarlos.

Danach lauerte er gespannt auf den Frühling. Mit Zuckerwasser wollte er die Bienen anlocken. Aber nichts geschah. Keine müde Blüte entfaltete sich. Also auch kein einziges Aepfelchen. „Das ist bei Hochstämmern so, in den ersten Jahren“, tröstete ihn der Nachbar, der von seinem lächerlich winzigen Niederstammbaum im Herbst drei volle Harassen prächtigster Früchte geerntet hatte. „Da heisst es, Geduld haben.“

„Wenn du nächstes Jahr nicht blühst, reiss ich dich aus!“ knurrte der Allerliebste. „Eigenhändig!“
Mein Mann – ein Brutalo? Ich traute meinen Ohren nicht. „Ich habe gelesen, dass man Pflanzen gegenüber lauthals Emotionen zeigen soll, um sie zu fördern“, entschuldigte er sich bei mir und dem Baum. „Liebevolle Zuwendung oder Drohung ist dabei völlig egal. Wichtig ist, dass echte Gefühl dabei sind!“

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Und siehe da: Der Baum hat’s kapiert. Fünf Blüten habe ich gezählt. Wenn jetzt die Bienen nicht schlapp machen, dann erwartet uns eine reiche Ernte! Hoffentlich kommt der Herbst ganz schnell! Bis dahin werde ich unter dem Baum meinen Roman zu Ende schreiben. Der Arbeitstitel? Liebe im Schatten!

 

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