Josefines Blog

Beat

(Kommentare: 1)

Als ich ihn das erste Mal in den Armen hielt, war er nur zwei drei Zentimeter grösser als ich. Aber er kam mir gigantisch vor. Ich habe ihm mein Leben lang meine Geheimnisse ins Ohr geflüstert, und er hielt immer dicht. Er hat mich beschützt, verstanden; vor allem aber: Er war immer da für mich.

Ich weiss noch, wie mein Vater, der an panischer Angst vor Feuerausbruch litt, mir regelmässig einschärfte, wie ich mich im Brandfall zu verhalten hätte. Neben dem Aufzählen von Feuerbekämpfungsmassnahmen musste ich ihm dabei jedes Mal vorlügen, in welcher Reihenfolge ich unsere Wertsachen retten würde. Seine Aktentasche, Mutters Schmuckschatulle, und dann, falls die Zeit und die Feuerwehr es zulassen sollten, den Wurzelholztisch. Dabei war mir völlig klar, dass ich als erstes meinen Beat in Sicherheit gebracht hätte.

Es hat nie gebrannt. Aber Beat und ich wussten auch so, dass wir uns aufeinander verlassen konnten. Und auch wenn im Laufe meiner „Blütezeit“ Männer auftauchten, deretwegen er vorübergehend in den Schrank oder unters Bett abtauchen musste, erduldete er das gelassen.

Leider sind die vielen Jahre auch an Beat nicht spurlos vorbeigegangen. Der Allerliebste jedenfalls schüttelte besorgt den Kopf, als ich ihm nach dem ersten Treffen etwas verschämt meinen alten Kumpel vorstellte. „Das linke Auge fällt ihm gleich aus dem Kopf. Die Schultergelenke sind ausgekugelt. Und schau dir die zerschundenen Pfoten an. Ein Fuss verliert Holzwolle. Dein Teddy braucht Hilfe, und zwar dringend.“

Am nächsten Morgen schnallte der Allerliebste Beat auf den Rücksitz und fuhr mit ihm „zum Lifting“. Es war das erste Mal, dass Beat Sicherheitsgurten trug. Ich winkte dem Wagen zerknirscht nach. Rabenbärenmutter!

Als Beat zurückkam, war er nicht mehr der Alte. Das neue Auge war zu neu und etwas grösser als das alte. Die einst so lockeren Arme klemmten. Die Pfoten waren viel zu glatt. Ausserdem hatte die Bärendoktorin ihm einen viel zu knappen Pullover angezogen, und der neue, rote Schal war lächerlich.

Trotzdem machten Beat und ich gute Miene – wie hätte der Allerliebste wissen können, dass manchmal gerade das Unperfekte das Liebenswerte sein konnte?

Gestern las ich dann einen Bericht über einen berühmten Bärendoktor, dem sogar aus USA und Russland abgeliebte Bären zur Reparatur zugeschickt würden. Er selber, gestand der sympathische Mann, besässe nur zwei alte, zerzauste Teddybären. Aber die Vorstellung, seinem eigenen Ursli oder Ueli flickenderweise mit einer Nadel in die Pfoten stechen zu müssen, wäre ihm ein Graus.

Uebrigens: Ich habe jetzt für Beat eine Bärendame gefunden. Lotti. Struppig, zum Teil kahl, schielend... Abgeliebt eben. Er wirkt zufrieden. Ich bin es auch. Er ist perfekt, sie … na ja. Jedenfalls ist das Gleichgewicht wieder hergestellt.

Josefine

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Kommentar von Helga Wienröder |

Oh, wie kann ich Dich verstehen. Ich bin im Moment im Dilemma - wohin mit meinen 25, 30 Bären, während hier renoviert wird? Ich müsste sie vom Korbsofa, vom Schrank, vom Bett, überall herholen, in eine dunkle Umzugskiste - dabei sind sie doch das Helle gewohnt. Hoffentlich überleben sie die 3 Wochen, bis ihre "Mama" sie wieder erlöst.