Josefines Blog

Die kulinarische Körperintelligenz

von Silvia Gillardon (Kommentare: 0)

„Warum starrst du mich so an?“
Ich deute auf das riesige Stück Torte auf Lydias Teller. „Du wolltest doch abnehmen?“
„Eben!“ lächelt sie und schiebt sich genüsslich ein Stück Kuchen in den Mund. 

„160 Kalorien. Mindestens! Pro Biss!“
„Ich weiss“, antwortet Lydia und verdreht die Augen: „Himmlisch!“.
„Marco hat dich verlassen!“ tippe ich. „Und jetzt vergräbst du deinen Kummer in Buttercrème.“
„Quatsch. Ich hatte zwar Kummer, aber nur, weil der Speckring auf meiner Hüfte einfach nicht schmelzen wollte. Low-Carb, Ananas, Suppendiät, alles habe ich probiert. Sogar die Schlotter-Diät.“
„Schlotter-Diät?“
„Ja. Kalt duschen, sich in einen Fluss stürzen …. Wenn man friert, sinken die Körperfettwerte. Leider ist das Rezept im Sommer nicht brauchbar.“
„Aha. Darum also jetzt die Tortendiät. Genial!“ Ich winke den Kellner herbei: „Bitte für mich einmal Zuger Kirschtorte.“
Dann wende ich mich wieder Lydia zu: „Also, schiess schon los!“
Lydia seufzt. „Es geht nicht um Torte. Es geht bei dieser tollen Diät einfach darum, der individuellen, kulinarischen Körperintelligenz zu folgen.“

Es fällt mir schwer, nicht los zu prusten. „Der kulinarischen Körperintelligenz?“
„Genau. Bei dir sind es vielleicht Miesmuscheln oder Eier. Du musst einfach in dich hineinhorchen und verstehen, was dein Körper begehrt. Denn wenn du dieses Verlangen nicht stillst, isst du quasi um dein Wunschgericht herum. Das Falsche und, aus lauter Frust, viel zu viel.“
„Baguette“, flüstere ich. „Knusprige, wunderbare Baguette. Dazu Camembert. Ein Glas Rotwein… köstlich!“
„Nimmst du mich jetzt auf den Arm?“
„Nein, wie könnte ich. Ich hab nur daran gedacht, durch was für Berge an Lebensmitteln ich mich schon hindurchfressen habe, nur um einer begehrenswerten Baguette auszuweichen. Vielleicht hat deine Theorie ja wirklich etwas für sich.“
„Bestimmt! Unser Körper hat seit Geburt an alle Nahrungsmittel gespeichert. Seine Erfahrung können wir abrufen über Lust und Hunger. Wenn wir unserem Gefühl vertrauen, essen wir deshalb genau das, was uns gut tut. Ohne Frust, der uns dauernd zu falschen Kompensationsessen verleitet.“
„Und? Hast du schon abgenommen?“
„Na ja, ich übe noch.“ Sie wirkt leicht zerknirscht. „Es gibt Regeln. So sollte man Routineessen zu bestimmten Zeiten vermeiden. Auch sein Hungergefühl gründlich auskosten, also das Essen möglichst lang hinausschieben. Und zuletzt muss man sich bei jedem Bissen fragen, ob man wirklich ehrlich Lust hat.“ Resigniert schiebt Lydia den Teller mit dem Kuchenrest an den Tischrand: „Schluss mit Lustig!“

Die Kirschtorte, die der Kellner vor mich hinstellt, sieht perfekt  aus. Aber wenn sie als Diätmittel nichts taugt, kann er sie genauso gut wieder mitnehmen. Denn eigentlich mag ich keine Torten. „Sorry. Aber hätten sie vielleicht ein Stückchen Baguette? Etwas Camembert? Ein Glas Rotwein?“
„Für mich bitte auch!“ entfährt es Lydia.
Dann schaut sie mich schuldbewusst an. „Schon klar: Das war natürlich dein privates Lustgefühl. Aber es hat sicher kein Diätpapst etwas dagegen, wenn ich ausnahmsweise mal von der kulinarischen Körperintelligenz meiner besten Freundin profitiere.“

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