Josefines Blog

Geschüttelt, nicht gerührt

von Silvia Gillardon (Kommentare: 0)

In zwei Dingen passen der Allerliebste und ich überhaupt nicht zusammen. Ich hasse Horrorfilme. Und er hasst Achterbahnen. Im Normalfall gilt das, paartherapeutisch gesehen, nicht als schwerwiegendes Problem.

Am letzten Sonntag war das allerdings anders. Der Allerliebste entdeckte auf einem Rummelplatz eine Space-Shuttle-Kabine beziehungsweise einem sogenannten 5D- Flugsimulator. Aus sicherer Distanz beobachtete er, wie die Kapsel auf einer hydraulisch gesteuerten Plattform geschüttelt, gekippt und wild herumgeschleudert wurde.  Dazu liefen zwei Animier-Filmstreifen: Links der eigentliche Actionfilm mit wilden Fahrten durch Unterwasserwelten oder durchs Universum, rechts der Film, der die begeisterten Gesichter der Kapsel-Insassen zeigte. Und ihm war klar: Dies ist genau das Richtige für meinen Schatz!

Er brauchte mich nicht lange zu überreden. „Dir kann nichts passieren, denn ich beobachte dich von draussen!“ rief er mir nach, als ich in die Kapsel stieg.  Mit gespielter Lässigkeit setzte ich mich in die vorderste Reihe. Wenn schon, denn schon. Seltsamerweise war ich allein  – die anderen Besucher schienen irgendetwas abzuwarten und wollten nicht einsteigen.

Nach wenigen Sekunden verstand ich, weshalb! Aber da war es zu spät. Ein Riese, dem die Haut in Fetzen hinunterhing, warf sich auf die Frontscheibe von meinem fiktiven Fahrzeug. Dann zerschlug er die Scheibe mit seiner blutigen Faust – ein Windstoss, der durch das Loch zischte, machte das Ganze noch unheimlicher. Eine Kobra zwänge ihren Kopf durch das Loch…züngelte genau vor meinen Augen. Hilfe! Entsetzt vergrub ich das Gesicht in meinem Schal, hielt den Atem an und krallte mich fest, während ich auf dem Sitz wild hin- und hergeworfen wurde. So war sie also, die Hölle!

Irgendwann war der Horror vorbei. „Es tut mir sooooo leid!“ schwor der Allerliebste. „Ich konnte doch nicht ahnen, dass die ausgerechnet bei deiner Tour einen Gruselfilm einprogrammiert hatten! Glaub mir: Die anderen Filme sind alle phantastisch!“

Als ich endlich wieder sprechen konnte, meinte ich nur: „Dann brauche ich nochmals eine Runde. Ich muss dieses grauenhafte Erlebnis irgendwie „überspielen“ mit etwas Positiverem.“
Der Budenbesitzer schwor, dass er gleich etwas „Harmloses“  programmieren wolle. Und als ich einstieg, setzte sich der Allerliebste plötzlich neben mich: „Diesmal komme ich mit! Betrachte das als meine Busse!“ Ich staunte. Er, dem nur schon in Gedanken an eine Achterbahnfahrt übel wurde? Aber wenn er meinte…
Das „Harmlose“ war leider die Illusion einer … genau, einer sehr wilden Achterbahnfahrt. Wir rasten in der falschen Richtung über eine Autobahn, stürzten von einer Brücke. Der Allerliebste stöhnte. Dann kippten wir über einen Berggipfel in eine Schlucht. „Geht’s noch?“ rief ich ihm zu, als wir ins Universum abhoben, aber er konnte nicht mehr antworten.

Fünf Minuten können grausam lange sein. Als ich meinen Helden endlich aus der Kapsel geschleppt hatte und er mit grünem Gesicht im Gras sass, murmelte er etwas, das ich kaum verstehen konnte. Irgendetwas von „Strafe“.

Ich liebe ihn trotzdem. Auch als Traumpaar muss man schliesslich nicht in allen Details zusammenpassen. 

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