Josefines Blog

Klärli, das Tschi-pi-Äss

von Silvia Gillardon (Kommentare: 0)

„Sie haben Ihr Ziel erreicht. Sie haben...“  Ja, spinnt die? Von wegen Ziel erreicht. Ich steh im Stau auf der Autobahn, bin eh schon zu spät, habe keine Ahnung, welche Spur ich nehmen muss, um an mein Ziel zu gelangen. Verzweifelt klopfe ich auf mein Navi: Künzlistrasse 4. Keine Reaktion, wenn ich auf Enter drücke. Ein letztes Seufzen von Klärli, der Frauenstimme, die mich so zuverlässig durch den Ruhrpott bis ins Obergomsertal geleitet hat.  Dann Stille. So traurig! Es hatte so sexy geklungen, wenn sie jeweils die fremdsprachigen Namen buchstabengetreu aussprach: Monte G e n e r o s o. Ausfahrt L a u s – Anne.  

Was tun? Die Strassenkarte konsultieren? Ich bitte Sie: Wer führt denn heutzutage noch eine Strassenkarte mit im Auto? Ich nehme also die nächste Ausfahrt, irre durch Quartierstrassen in der Hoffnung, einen vernünftigen Wegweiser zu finden. Wallisellen? Ist höchstens für die Katz. Zürich-Ost 4 sagt mir auch nichts. Hagenholzstrasse? Recyclinghof steht da, aber ich will mich nicht entsorgen. Das heisst, irgendwie schon. Aber nicht so. In der Röslistrasse frage ich einen Schrebergärtner nach dem Weg. „Ja, äsch ghä Tschi-pi-Äss, gopf?“ fragt er zurück.

Recht geschieht mir. Schon zweimal war ich schliesslich an der Künzlistrasse. Eigentlich müsste ich ja den Weg kennen. Aber ich habe ihn mir nicht eingeprägt, sondern einfach das gemacht, was Klärli befohlen hatte. Habe wie ein Schaf pariert, statt selber zu denken. Links, rechts, bitte umdrehen - so einfach war das.
Nervös schaue ich auf die Uhr. Für meinen Termin bin ich definitiv zu spät.  Neben einer Tujahecke halte ich an und rufe meine Kollegen an. „Sorry, aber mein Navi hat den Geist aufgegeben. Keine Ahnung, wo ich bin. Neben einem Friedhof halt.“
Tja, und dann muss ich mich erst mal auslachen lassen. Ein kaputtes Navi sei doch heute keine akzeptable Ausrede mehr. Schliesslich würde ich ja mit einem Handy telefonieren. Ob ich darauf denn tatsächlich noch keine Tschi-pi-Äss-Äpp heruntergeladen hätte? Hinter welchem Mond ich denn leben  würde? Ach ja, und wie denn dieser Friedhof heisse, wo ich gelandet sei.

Also: Der Friedhof heisst Nordheim. Und er liegt genau zwei Strassen entfernt von der Künzlistrasse. „Aber es hat keinen Sinn, dass du jetzt die App zu installieren versuchst. Wir wollen endlich anfangen. Wir navigieren dich am Handy. Hast du denn wenigstens Kopfhörer dabei?“  
Hab ich nicht. Aber was soll‘s.
Einer der Kollegen übernimmt jetzt Klärlis Rolle: „Nach zweihundert Metern links abbiegen.“  Tue ich. „Nehmen Sie, äh nimm im Kreisverkehr die zweite Ausfahrt.“ Erledigt. „Bei der Kreuzung rechts in die Künzlistrasse einbiegen.“ Ok. Erleichtert wische ich mir den Schweiss von der Stirn. Ich schwöre: In Zukunft werde ich mir meine Wege wieder bewusst einprägen. Und eine vernünftige Strassenkarte kaufen. Für alle Fälle. Ich fahre auf den reservierten Parkplatz. „Sie haben, äh Du hast dein Ziel erreicht. Guguus!“
Die drei Gestalten, die mir vom Fenster im dritten Stock aus fröhlich zuwinken, kenne ich.
Den Polizisten, der sich zu mir herunterbeugt, noch nicht. Aber ich fürchte, ich werde ihn kennenlernen.

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