Josefines Blog

Was für eine Brut

von Silvia Gillardon (Kommentare: 0)

Was für eine Brut

 

Eklige Tiere seien das, diese Tauben. Nix da von wegen Symbol für Frieden und Unschuld.  Im Gegenteil: Krankheitsträger der übelsten Sorte seien diese fliegenden Ratten, schimpfte meine Mutter. Ausserdem ärgerte sie sich „über dieses ständige Vor-und Rückwärtsgewackel mit dem Kopf. Und dann dieses widerwärtige Scharren und Gurren. Das schamlose Geschmuse. Eifach gruusig“.

Ich glaubte ihr, wie meistens, kein Wort. Im Gegenteil. Erst recht bewunderte ich jetzt das changierende Rosa, das schimmernde Braun, das silbrig glänzende Graublau. Und, ich gebe es zu, das unbeirrbare Werben verliebter Täuberiche beeindruckte mich gewaltig.

Zwei Freundinnen, die mich in der kleinen Wohnung in Italien besuchten, waren ebenfalls entzückt von einem  turtelnden, ach so schlimm „unterernährtem“ Taubenpaar unter meinem Balkon. Deshalb warfen sie unter lautem „Putt-Putt-Rufen“ ihr gesamtes Frühstück, natürlich ohne den Kaffee, aufs Nachbarsdach. Woher dann innert fünf Minuten die anderen 54 Tauben herkamen, wird mir für immer ein Rätsel bleiben.  Dafür weiss ich seither, woher die vielen Leute herstammen, die uns von ihren Balkonen oder Fenstern aus lauthals beschimpften. Und dass fast alle Italiener die Meinung meiner Mutter teilen: Tauben sind „brutti schiffosi“. Gruusig eben.

„Scusa, Bellina, aber Füttern ist hier verboten!“ erklärte ich deshalb dem wunderschönen, braunrosa glänzenden Täubchen, das sich ohne Scheu im Blumenkasten direkt vor dem Balkongeländer gemütlich eingerichtet hatte. Zugegeben, im Dunkeln, ab und zu ein kleines Häppchen…. aber sonst blieb ich eisern. Bellina lohnte mir meine Flexibilität mit zwei Eiern. Einen Vater gab es offenbar nicht, so dass sie die Verantwortung für die Eier, wenn sie einen Ausflug unternahm, grosszügig mir überliess. „Bellina, du musst hier verschwinden. In zwei Tagen kommen hier drei sehr wilde Kinder an … die werden auf dem Balkon toben. Das hältst du nicht aus.“ Ich zügelte die Blumenkiste vor das Schlafzimmerfenster. „Hier bist du geschützter.“ Das sturköpfige Tier weigerte sich, zu ihren Eiern zurückzukehren und starrte mich vom Nachbardach aus vorwurfsvoll an. „Ok. Dann also: Alles zurück. Auf deine Verantwortung.“

Unglaublich. Bellina liess sich nicht vertreiben – im Gegenteil. Sie klaute die Nutella von den Broten der Kids, tauchte ab und zu ihr Köpfchen in deren Sirup. Und brütete und brütete.

Dann kam der Tag der Abreise.  Die Jungen hätten längst geschlüpft sein müssen.  17 Tage dauere eine normale Brutzeit, hatte ich gelesen. Drei Wochen waren schon verstrichen, aber die Eier waren immer noch intakt, aber Bellina brütete unbeirrt.  Sogenannte „Experten“ meinten, dass die Eier bestimmt nicht befruchtet wären und Bellina quasi eine „Scheinschwangerschaft“ ausbrüte. Traurig reiste ich ab, bat aber meiner Nachbarin, Lucia, wenigstens ab und zu nach Bellina zu sehen. Natürlich kannte ich ihre Meinung: „È brutta schiffosa“.

Zwei Wochen später kam ein Anruf. „Sono natiiiiiiii!“ schrie Lucia aufgeregt ins Telefon. Sie sind geboren! Und dann kam deeer Satz: „Und es sind die hübschesten Täubchen der Welt.“

Nebenbei bemerkt: Junge Tauben sind nach dem Schlüpfen nackt oder grob gelbhaarig. Aber was kümmert dies ein Mutterherz.

Zurück

Einen Kommentar schreiben